Aufruf zur aktiven Mitgestaltung einer völlig neuen Wunschgesellschaft

Aufruf zur aktiven Mitgestaltung einer völlig neuen Wunschgesellschaft

In dem Artikel Wie wir Eltern die Arbeitswelt revolutionieren müssen habe ich darüber geschrieben, wie ein Gesellschaftsmodell meiner Meinung nach gestalten wäre, damit es für alle – und damit meine ich insbesondere eben auch unsere Kinder – funktionieren kann.

In Deutschland ist es nämlich so, dass alle Beteiligten als Teil des wirtschaftlich sehr rentablen Systems dazu beitragen (müssen), dass sich dieses Hamsterrad immer weiter dreht. Denn nur so zählen wir zu den Wirtschaftsmächten Nummer eins und sollen funktionierend es auch bleiben.

Wer darunter zu leiden hat, merkt man an hirngespinstigen Superdiagnosen wie z.B. ADHS, Adipositas, Burnout & Co. Es sind in erster Linie die Kinder und mit ihnen die Eltern, ihre Familien. Ein Mann tat dies bezüglich neulich am Bahnhof seine Meinung kund: „Deutschland ist das Land mit den schnellsten Autobahnen, dem höchsten Kaffeeverbrauch und den kapputtesten Menschen!“

Nunja, wenn man das mal recherchiert, stimmt es so nicht ganz. Mich hat seine Aussage aber trotzdem beschäftigt, denn etwas Wahres ist an seinem Spruch: wir sind nach den Amerikanern mittlerweile auf Platz zwei mit unserem Übergewicht und sehr vielen Menschen geht es gesundheitlich – seelisch oder körperlich – wirklich nicht gut. Darüber zu sprechen bzw. die Ursachen hierfür zu finden und dieser Tatsache auf den Grund zu gehen, lässt nun aber viele Faktoren mitspielen. Und da sind wir schnell wieder beim Bildungs- und Gesundheitssystem. Interessanterweise lösen genau diese zwei Themen bei Menschen immer wieder aufs Neue heftige Diskussionen und Kontroversen aus. Gesundheit und Bildung sind echte Streitthemen und das merke ich jedes Mal, wenn ich mit Leuten darüber spreche. Mittlerweile sind das deshalb auch meine Lieblingsthemen, denn genau da läuft es in Deutschland ganz offensichtlich – ja, geradezu unübersehbar! –  grundlegend falsch.

Kinder werden geboren und unsere Aufgabe ist es, sie mit Liebe, Hingabe, Verständnis, Einfühlungsvermögen und Zuneigung in ihrem ganzen Wesen zu begleiten und zu unterstützen, damit sich ihr volles Potential darin entfalten kann, die Welt durch das individuelle Talent in ihrem Fortschritt, ihrer Entwicklung zu bereichern. Eltern und die Gesellschaft stehen also vor der Verantwortung, freie Menschen hervorzubringen, die durch ihre Kreativität, Offenheit und Toleranz, durch ihren Frei- und Erfindergeist der Welt wieder zu einer höheren Stufe verhelfen. Denn ja, dieser Aufgabe können nur Menschen, die in ihrer vollsten Blüte stehen, meistern und keine funktionierenden Roboter, die nur auf Fernsteuerung reagieren.

Stattdessen passiert es aber, dass Kinder zur Welt kommen und aus Angst, Unwissenheit und mangelndem Vertrauen präventiv präpariert werden, körperlich gefüttert, seelisch indoktriniert und geistig abgestumpft, nur um auf diese Welt „vorbereitet“, für eben diese gewappnet zu werden. Für was sollen sich unsere Kinder aber eigentlich wappnen? Für das Mobbing in der Schule, den Konkurrenzkampf auf Arbeit, die Profitgier der Konzerne oder den Dresscode auf der Straße? Richtig, das ist die reale Welt, in dieser muss man bestehen und deshalb ist es, bei allen gut gemeinten Bemühungen, doch einfach mal besser, zu impfen, zu beschulen, zu untersuchen, zu bewerten, gleichzumachen und alles, was dem entgegen steht, einzudämmen, zu unterdrücken, abzuschalten. Ist es nicht so? Oder warum kleidest du deine Kleine in pink und den Bub in blau, so wie es dir die Modeindustrie vorgibt? Wieso sonst gibst du deinem Kind Zucker – Haribo, Milka & Kinderüberraschung – und machst es damit hochgradig drogenabhängig, wie dich selbst durch Kaffee und Nikotin? Wieso sonst zwingst du es, jeden Tag früh aufzustehen und seine Freiheit, Begeisterung und Kreativität aufzugeben zugunsten einer durchdachten Massenideologie, die es in der dafür vorgesehenen Zwangsinstitution eingetrichtert bekommt – ungefragt? Das sind echte Probleme – Deutschland hat echte Probleme, die man ernst nehmen muss! Genau genommen lasten diese Probleme weniger auf dem Staat, als auf der zukünftigen Generation, die wir in dieses Dilemma ziehen und die uns dann, zu Recht, einmal vorwerfen kann, dass sie uns nichts zu verdanken habe.

Doch das möchte ich nicht. Ich möchte, dass es meinem Kind einmal besser geht, als uns. Und wohl bemerkt: an dieser Stelle klage ich ausdrücklich nicht über materiellen Wohlstand, von dem ich – abgesehen von unserem persönlichen Minimalismus – etwas weniger auch gut vertragen könnte. Auch nicht über ärztliche Gesundheitsvorsorge und -maßnahmen, die ich, wenn auch nur im absoluten Notfall, natürlich gern in Anspruch nehme. Nein, vielmehr klage ich über allgemeine geistige Verarmung, über seelische Orientierungslosigkeit der Massen und über Passivität und mitgemachte Verdummung. Ich möchte, dass sich mein Kind später einmal keine Gedanken darüber machen muss, wie es seine Miete bezahlt, weil sich dann nicht mehr alles nur um Geld dreht und jeder ein Grundeinkommen bezieht. Ich möchte, dass es sich nicht ängstlich fragen muss, woher seine nächsten Aufträge oder Jobs kommen oder wie es sich am besten vermarkten kann, weil es bis dahin aktiv an einer Welt teilnimmt, die sich aus ihren eigenen Bedürfnissen heraus gestaltet und nicht an Marke, Konsum und Kommerz misst. Ich wünsche mir, dass es sich dann auch nicht fragen muss, von welchem Geld es im Alter einmal leben soll und wer dann, wenn es alt und krank ist, für es aufkommt, weil dann alle in sich selbst versorgenden Gemeinschaften beruhend auf gegenseitiger Unterstützung und echter Nächstenliebe leben und wirken. Ganz zu schweigen von Umweltzerstörung, Kriegspolitik, Massenmord und Volkshetze.

Also in welchem Jahrhunder leben wir nun eigentlich – wie kann es z.B. sein, dass Kinder zur Hälfte des Tages aus dem Straßenbild eleminiert sind und ihr junges, frisches Leben stattdessen in irgendwelchen Masseneinrichtungen verbringen? Sieht so der Fortschritt der Gesellschaft aus? Und was für eine Gesellschaft ist das überhaupt, die so versucht, weiter voranzuschreiten? Natürlich keine, die dafür weltweites Ansehen verdient. Wir müssen umdenken, klar. Aber nur umdenken allein reicht nicht. Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden und lässt sich nur aktiv beheben. Alle Menschen sind aufgerufen, sich ganz bewusst und nach ihren Möglichkeiten einzubringen, für ihre Ideale einzutreten und die Gesellschaft als lebendiger Teil selbst mitzugestalten. Und natürlich ist das nicht so einfach, wenn man sich in erster Linie darum kümmern muss, dass irgendwie die Miete ins Haus kommt, alle versorgt und die Kinder „betreut“ sind.

Problem Nummer eins: Kinderbetreuung. Es geht nicht mehr darum, wie das ursprünglich mal angedacht war, dass Kinder sich sinnvoll beschäftigen – denn das können sie von ganz allein und am besten ohne unser künstliches Zutun. Vielmehr geht es wirklich darum, Mama und/ oder Papa den Rücken frei zu halten, sich um die Jüngsten zu kümmern, damit es den Eltern möglich ist, zu arbeiten. Damit das für alle erträglich ist, übertreffen sich die unzähligen Krippen, KiTas und Krabbelstuben gegenseitig in ihrem spielerischen Superangebot – das ist aber nicht die Lösung! Die Lösung ist vielmehr, Kinder nicht mehr als etwas Spezielles gesondert zu betrachten und mitsamt der kunstvoll inszenierten Kinderwelt zu kasteien. Die Lösung liegt darin, Hierarchien abzubauen, Hürden wegzunehmen und Orte der Begegnung und Vielfalt zu schaffen. Eine Gesellschaft besteht aus mehreren Teilen und Schichten, die das bunte Bild derer so überhaupt erst zustande kommen lassen und bereichern!

Eine Leserin antwortete mir zu Recht auf meinen oben genannten Artikel zum Thema Revolution der Arbeitswelt durch uns Eltern: „[nachdenklicher Smiley] die aufgezählten Berufe für die Vereinbarkeit mit Kind und Beruf, sehe ich etwas kritisch. Es gibt so unendlich viele Berufe, wo es leider nicht geht. Was machen zB. Kassierer, Ärzte, Bürokaufleute, Werkzeugmacher, Laboranten, Professoren, Psychologen mit den kleinen Mäusen?“ – Diese Frage finde ich völlig berechtigt! Und auch, wenn es vielleicht noch nicht in jedem Beruf oder für alle funktioniert: der Weg ist das Ziel.

Diese Fragen müssen wir aufwerfen, dies sind die Ansatzpunkte für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Kindern und Beruf. Eine tragfähige Gesellschaft schließt alle mit ein und spaltet die Menschen nicht in Gruppen, die sich dann gegenseitig ausschließen und isolieren. Begrifflich bedeutet Gesellschaft, im soziologischen Sinne, „eine durch unterschiedliche Merkmale zusammengefasste […] Anzahl von Personen, die als soziale Akteure miteinander verknüpft leben und direkt oder indirekt interagieren“.

Wie also können die sozialen Akteure miteinander verknüpft leben und interagieren? Wie können sich die verschiedenen Welten, Schichten und Individuen gegenseitig stärken und bereichern, so dass u.U. vielleicht sogar etwas ganz neues entsteht, etwas, von dem wir uns bald um keinen Preis mehr entfernen möchten?

Weitere Texte auf www.zwerggefluester.de