Kinderohren schützen, Gehörsinn stärken – wie du die Musikalität deines Kindes fördern kannst

Diesen Artikel schreibe ich heute aus der Sicht als Musikerin und Mutter. Und dazu wollte ich schon lange mal meinen Senf abgeben, denn was da rund um die kindliche „Frühförderung“ und musikalische „Erziehung“ so passiert, lässt mir wirklich Schauer über den Nacken laufen. Ja, es ist an der Zeit, etwas zu diesem Thema beizutragen.

Musik = Gefühlsleben = Intuition = Ich

Der weltbekannte Publizist und Waldorfpädagoge Rudolf Steiner nennt Musik die Kunst des Ich. Johann Gottfried Herder sagt, dass der Höhrer „ganz in sein inneres fühlendes Ich versammelt“ ist. Für Wilhelm Hegel entspricht Musik dem inneren Selbst, „das Ich [wird] in Bewegung versetzt.“ Und für Arthur Schopenhauer bringt Musik „das tiefste Innere unseres Wesens zum Ausdruck“. Felix Mendelssohns Spruch ist wohl der berühmteste: „Musik fängt da an, wo die Sprache aufhört.“

Was ist das Ich?

Philosophen streiten sich um diese Frage und selbst wir Erwachsene können sie nicht eindeutig beantworten. Das Ich besteht aus mehreren Schichten, ist vielfältig, bunt und schillernd. Und Kinder können es am besten erfahren, in dem sie sich ausleben, in dem sie sich entfalten und frei spielen, frei sich bilden dürfen. Denn dann sind sie im Hier und Jetzt, in ihrem Zentrum, ganz in ihrer Mitte und können sich selbst als eine absolute Einheit fühlen und erleben. Dann sind sie gesund.

Musikalität – was ist das überhaupt?

Diese Frage können wir uns in Betracht der angeführten Aussagen der berühmten Menschen nun selbst beantworten. Wenn Musik also all das ist, was über sie gesagt wird, dann liegt es nahe, sich um das Ich, das Innere zu kümmern, es zu pflegen und zu lassen. Dann beginnt sich die natürliche Musikalität, die jedem Menschen inne wohnt, wie von selbst  zu formulieren.

Musik bedeutet nicht (nur) Ohren und Gehör

Musik ist physikalisch bewegte Luft, man sagt „Musik liegt in der Luft!“ Ein Ton ist so gesehen schon Musik, doch nach unserem Verständnis davon benötigt es dafür wenigstens zwei Töne, also die Verbindung von beiden. Auf welche Art die Töne verbunden sind, das erleben wir innerlich bewegt mit. Musik hat also etwas mit musikalischem Erleben zu tun! Und das findet nicht rein übers Ohr statt, sondern über das musikalische Empfinden. Ein Ton von einem Tonbandgerät ist akustisch glatt. Zweifellos kann er auch ein Gefühl auslösen, dringt aber nicht in die tiefere, lebendige Musikalität eines einzelnen ein. Er kann nicht in Bewegung versetzen, da er selbst nicht bewegt ist. Und um das zu beweisen, muss man sich nur einmal vorstellen, man sitze in einem Raum und würde nacheinander zuerst einen einzelnen Ton von einem iPhone abgespielt zu hören bekommen und im Anschluss daran den eines Streichinstruments. Mit Sicherheit würde letzterer in jedem Proband eine größere Resonanz erzeugen.

Hermann Pfrogner spricht von einer Zweitwende der Musik: „Hören und Hören sind durchaus verschiedene Dinge, je nachdem, ob unsere Musikalität daran teilnimmt oder nicht.

Unter diesem Gesichtspunkt muss man es zwar nicht unbedingt fördern, dass Kinder heute wie selbstverständlich mit Handy, Tablet oder iPhone umgehen. Andererseits braucht man aber auch keine Angst davor zu haben, wenn man diese Geräte und Medien sinnvoll nutzt, so dass sie lediglich ein Hilfsmittel sind, die natürliche Begeisterung eines Kindes aufrecht zu erhalten. Für die meisten von uns ist das nicht mehr so leicht herauszufinden, denn Kinder lassen sich schon sehr früh konditionieren und fanden die Prinzessinnen-Kindersendung ursprünglich nicht von selbst so interessant und sehenswert… Doch es lohnt sich in jedem Fall, einmal darüber nachzudenken.

Empfehlung: schöpferisch tätig sein

Jedes Kind ist musikalisch! Das sage ich vor einem ganz wissenschaftlichen Hintergrund, denn einer meiner langjährigen Lehrer, Prof. Gerhard Mantel, hat sich damit jahrzehntelang ausführlich beschäftigt. Musik ist ebenso wie der Tanz und die Malerei ein Ausdruck der Aufspeicherungen der organischen Erinnerung. Jeder Mensch hat sie natürlicherweise in sich und es braucht nichts weiter, als ihre natürliche „Spur“ frei heraus fließen zu lassen. Und deshalb benötigen Kinder am Anfang ihrer Entwicklung auch nichts weiter außer malen, tanzen und singen bzw. ungestörte Entfaltungsmöglichkeiten ihrer inneren Kreativität und Formulation.

Das Gehör kann man natürlich trainieren, doch dies kommt später und beginnt bei einem Kind von ganz allein. Wenn man einem Kind den Rahmen für eine gesunde musikalische Entwicklung bietet, muss man sich diesbezüglich keine Sorgen machen und kann absolut vertrauen, dass es mit dem Beginn seiner ersten Ausdrucksmöglichkeiten auch musikalisch einen ganz natürlichen Entwicklungsverlauf nehmen wird. Wie schafft man nun aber am besten einen angebotsreichen Rahmen? Und jetzt kommt das große „Aber“. Denn anders, als ihr vielleicht annehmt, braucht es dazu keine musikalische Früherziehung oder knallbunte Spielzeuginstrumente im Kinderzimmer.

Ich weiß, alle wollen es, die musikalische Begabung. Denn es ist ja bekannt – Musik fördert soziale Kompetenzen, das Gehör, die Konzentration und das Gedächtnis, Taktgefühl und musikalisches Empfinden, Sprachgefühl und Artikulationsvermögen, … Doch ein bisschen Musikunterricht zur musikalischen Frühförderung wirkt da eher schädlich.

Ich erinnere mich noch gut, dass unsere Mutter uns Musik aus einem Plastikapparat wie Gameboy oder Walkman verboten hat. Angesichts heutiger Zeiten klingt das vielleicht hart, aber solche Geräte und dergleichen haben mit Musik nichts zu tun, sondern machen nur künstliche Geräusche – im Nachhinein bin ich sehr dankbar dafür.

Ruhe, Stille und bewusstes inneres empfinden im Alltag – 10 Tipps

Die Wärme und Differenziertheit von handgemachter Musik kann man nicht mit einem Gerät nachmachen. Musik liegt letztendlich in allen Dingen und wir Erwachsenen müssen unser Feingefühl dafür erst einmal entwickeln, ja. Kinder jedoch haben eine noch gänzlich unverfälschte Wahrnehmung und es gilt, diese nicht durch irgendwelche Störfaktoren von außen zu beeinflussen. Wer oder was sind die Störfaktoren? Alles, was die natürliche, innere Musikalität deines Kindes gefährdet, unterdrückt oder gar zerstört: Unterhaltungs- und Bespaßungsgeräte mit ihren künstlichen Filmen und Programmen, ja, auch Kindersendungen auf youtube. Hier hat man nicht nur „Sound“, sondern auch Bild – vom „Klang“ ist da gar nicht mehr die Rede. Und das eigene, die ureigen entstehenden inneren Bilder des Kindes werden hier gänzlich unterdrückt. Auch beim Auto fahren kann sich niemand der permanent laufenden Soundkulisse entziehen. Man bedenke, dass das Ohr keine Verschlussmechanismen zu seinem eigenen Schutz hat! Und da man es mittlerweile in jedem Geschäft, bei Freunden, in Bussen, Bahnen und öffentlichen Einrichtungen auf die Ohren bekommt, sollte man wenigstens dem Kind Möglichkeiten des  Rückzugs einräumen und Orte der Stille schaffen. Wie kann das z.B. zu Hause umgesetzt werden?

Die folgenden Tipps mögen banal klingen, sind aber essentiell:

  • Genießt die Stille und achte darauf, wann und warum ihr euch mit Musik/ Geräuschen umgebt (wählt z.B. Musik dann ganz bewusst aus und lasst euch nicht nur davon „berieseln“).
  • Vorlesen oder selbst erzählen statt Geschichten vom Tonbandgerät zum einschlafen.
  • Lasst euch gegenseitig ausreden!
  • Hört euch gegenseitig richtig zu!
  • Pflegt das gemeinsame singen (ja, auch wenn du findest, dass du nicht singen kannst, dein Kind aber wird es lieben und du findest zu deiner Stimme zurück, versprochen!)
  • Musik ist Bewegung! Lass dein Kind sich bewegen, wann immer es möchte!
  • Habt ein oder mehrere schöne Instrumente im Haushalt. Ein Klavier z.B. steht offen und für jeden zugänglich im Wohnzimmer und wird auf Kleinanzeigenseiten im Internet oftmals aufgrund der hohen Entsorgungskosten verschenkt.
  • Sucht Orte draußen oder in der Natur auf, statt in Cafés, Shops o.ä. zu gehen.
  • Bleibt stehen und verweilt, wenn irgendwo jemand Straßenmusik macht.
  • Achtet auf die kleinen Dinge und Feinheiten im Alltag, nehmt alles ganz bewusst wahr!
  • Und achte mal darauf, welche Dinge du im Haushalt mit welcher Lautstärke verrichtest…
  • Befreit euch von Wertungen, Urteilen, Kommentaren und dem ständigen sich einmischen und belehren. Lasst die Dinge so, wie sie sind.
  • Bevorzugt etwas selbst zu machen und euch Sachen auszudenken – kreativ zu werden, statt Zeit vorm Fernseher, iPhone oder Laptop zu verbringen. Ausnahme: das malen. Hier verhält es sich wie mit der Musik und jeder, der mit Kindern zu tun hat, sollte darüber Bescheid wissen.
  • Lasst die Kinder spielen! Freies, ungestörtes Spiel ist das natürlichste, was ein Kind tut, wenn man es in Ruhe lässt und fördert auf ganz subtile Weise musikalisches Empfinden.